„Stellt Fragen und informiert Euch – Ihr habt Rechte. Fordert sie ein!“

Mein Name ist Ella, ich bin 21 Jahre alt, Care Leaver*in und mache derzeit eine Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin in Hamburg. Ich bin im Jahr 2017 – als ich 21 wurde – aus der Jugendhilfe in ein Ausbildungswohnheim gezogen. Auf die Zeit nach dem Auszug haben mich meine Betreuer*innen versucht vorzubereiten. Immer wieder setzten wir uns zusammen und verglichen: „Was läuft jetzt (noch nicht so) gut und was müsste laufen, wenn ich in eine eigene Wohnung ziehe“. Dennoch hat mir der Übergang mit all den Unsicherheiten ganz schön bevor gestanden.

Ich würde mich selbst eigentlich als ziemlich selbständig bezeichnen, doch ich kenne meine Schwierigkeiten und wollte im Anschluss an die HzE (Hilfen zur Erziehung) eigentlich nicht direkt in eine eigene Wohnung ziehen. Denn: Das hatte ich in Form von einer Wohngemeinschaft mit einer mir unbekannten Person – bei der ich zur Untermiete lebte – bereits einmal ausprobiert.

Zurückblickend würde ich selbst sagen, dass die Zeit in dieser Wohngemeinschaft eine ziemliche Katastrophe gewesen ist und zum Vorschein brachte, warum ich dort aus- und im Anschluss an einen Klinikaufenthalt direkt in eine „teilstationäre, begleitete Wohnform“ eingezogen bin. Ich habe erkannt, dass ich (nach wie vor) Unterstützung brauche. Die habe ich in der Jugendwohnung bekommen und auch annehmen können. Allerdings haben sich in den drei Jahren Jugendhilfe meine Schwierigkeiten nicht komplett auflösen können. Die Vorstellung, mit 21 Jahren nun wieder in eine ähnliche Situation zu geraten und in ein ‚Loch zu fallen‘, hat mir vor dem Auszug richtig Angst gemacht.

Ich wollte im Anschluss an die HzE in die Wiedereingliederungshilfe. Meine Betreuer*innen und der ASD (Allgemeiner Sozialer Dienst/ Jugendamt) teilten die Einschätzung, dass dies für mich die beste Lösung wäre. Allerdings habe ich bei der Suche nach einer geeigneten WG für mich irgendwie nicht die Unterstützung bekommen, die ich mir erhofft hatte: Es schien niemand zu wissen, welcher Träger (jenseits des eigenen) wo, welches Angebot stellt.

Und mein Träger selbst hatte keine Möglichkeit, mich nach meinem 21. Geburtstag im Rahmen einer ASP (Ambulante Sozialpsychiatrie) zu betreuen. Keine*r hatte einen Überblick. Das hat mich irritiert und ich fühlte mich in meiner Suche allein gelassen. Ich hab mich selbst umgesehen und Einrichtungen abtelefoniert, um herauszufinden: „Wo ist Platz und wer könnte mich nehmen?“. Sowas kann ich, aber trotzdem dachte ich, „es muss doch irgendwo eine Liste, einen Überblick geben, welche Einrichtungen es gibt“. Meine Suche blieb ohne Erfolg.

Mein Geburtstag rückte immer näher, ich fand keine betreute WG, und die Ungewissheit, wie es weiter gehen wird, wenn die Hilfe endet, hat bei mir einen enormen Druck ausgelöst. Denn meine Suche war dreigleisig: Ich schaute mich parallel nach betreuten WGs und nach Wohnungen um und gleichzeitig nach Trägern, die mich ambulant betreuen könnten, wenn ich eben keine WG finde würde.
Zudem hoffte ich auf die Zusage für einen Ausbildungsplatz.

Das waren sehr viele Unsicherheiten auf einmal und die Zeit war sehr anstrengend für mich. Hinzu kamen auch noch ärgerliche, unnötige Besuche bei Ämtern. Mir wurde zum Beispiel geraten, dass ich einen §5-Schein für die Wohnungssuche beantrage. Das habe ich gemacht, ihn bezahlt und im Anschluss erfahren, dass der mir gar nichts bringt auf der Suche nach einer Wohnung.

Alle um mich rum schienen bei der Frage, wann eine ambulante Betreuung im Rahmen von ASP für mich beantragt werden müsste, ziemlich entspannt zu bleiben. Die Beantragung wurde zwar im letzten Hilfeplangespräch beim ASD vereinbart, aber es passierte für mein Gefühl zu lange nichts, und es wurde auch keine Nachbetreuung initiiert. Ich war alles andere als entspannt, denn ich wollte keine „Lücke“ im Übergang, in dem sowieso so viel unsicher war. Ich hatte mir die Sicherheit gewünscht, dass jemand da ist, wenn ich ausziehen muss.

Das Ganze zog sich hin und als der Antrag gestellt war, fragte ich mich bei möglichen Trägern durch. Das war komisch, denn ich wusste nicht mal, wie ich das am Telefon erklären soll: „Hallo ich bin Ella, ich bin bald 21 und muss aus der Jugendhilfe ausziehen. Einen ASP-Antrag (Ambulante Sozialpsychatrie)  habe ich gestellt, er ist aber noch nicht bewilligt. Und eine Wohnung habe ich übrigens auch noch nicht. Können Sie mich vielleicht betreuen?“.

Natürlich konnte mir ohne Bewilligung vom Amt kein Träger zusichern, dass er mich betreuen würde, geschweige denn beginnen. Die wollen ja auch sicher gehen, dass sie Geld sehen. Dass es hier eine Möglichkeit eines unbürokratischen Überganges gibt, hätte ich mir sehr gewünscht. Und eine bessere Vernetzung unter den Trägern, damit sowas unkomplizierter übergeleitet werden kann. Also, dass die Träger untereinander voneinander wissen, wäre meines Erachtens sehr sinnvoll.

Als ich eine Zusage für einen Ausbildungsplatz bekam, fragte ich aus Verzweiflung im Ausbildungswohnheim nach, ob ich dort ein Zimmer haben könnte, und hatte Glück.
Im März 2017 bekam ich die Zusage, dass ich in das Wohnheim einziehen könnte. Im Mai wurde die Hilfe bereits beendet. Wenn das Wohnheim nicht gewesen wäre, hätte ich zu meinen Eltern ziehen müssen, da ich selbst bei der Wohnungssuche nicht weiter kam.

Ich habe zwar ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, sie können meinen Betreuungsbedarf jedoch nicht abdecken. Das will ich auch gar nicht. Wie sich herausstellte, war der ASP-Antrag tatsächlich zu spät gestellt worden, und meine Befürchtung trat ein: Es dauerte bis Juli bis es mit der Hilfe losging. Meine Eltern überbrückten lieberweise, kamen mich regelmäßig besuchen und sortierten mein Chaos mit mir.

Nun, da ich im Wohnheim lebe, das mit der ASP geklärt ist, und ich regelmäßige Termine mit meiner Betreuerin habe, geht es mir richtig gut. Ich komme gut zurecht, meine Ausbildung macht mir Spaß und ich bin irgendwie auch froh, dass es mit einer betreuten WG nicht geklappt hat und ich nun im Wohnheim wohne. In der WG wäre es für mich vielleicht einfacher gewesen, aber so ist es eine Herausforderung, der ich mich stelle und es ist schön zu sehen, dass sich meine Befürchtungen (es könnte mir so ergehen, wie bei meinem ersten Versuch, alleine zu wohnen) nicht bewahrheitet haben.

Ich möchte Menschen, die die Jugendhilfe verlassen mit auf den Weg geben, dass sie sich unbedingt über ihre Rechte informieren sollten, damit sie diese auch einfordern können. Dabei könnt ihr euch auch Unterstützung holen, wenn ihr sie braucht.

Wenn ihr schon vor dem Auszug wisst, dass ihr eine ASP braucht und wollt, dann besteht frühzeitig darauf den Antrag zu stellen. Verlasst euch nicht darauf, dass die Menschen um euch rum für euch aktiv werden und einen Überblick haben: Macht euch selbst schlau und geht es an – Ihr schafft das!