„Vernetzt Euch, gebt Eure Erfahrungen weiter und profitiert von den Erfahrungen anderer!“

Ich bin Ende 2011 aus Afghanistan nach Deutschland geflohen und habe in Deutschland dann knapp vier Jahre in einer Jugendwohnung gelebt. Kurz vor meinem 18. Lebensjahr wurde mir im Hilfeplangespräch mitgeteilt, dass ich in 3 Monaten mit 18 Jahren aus der Jugendwohnung ausziehen und mir ab sofort eine eigene Wohnung suchen muss. Ich war zu diesem Zeitpunkt in der 13. Klasse, kurz vor meinen Prüfungen, und konnte mich im Anschluss kaum noch auf die Schule konzentrieren, was sich auch negativ auf meine Leistungen auswirkte.

Ich hatte große Angst vor meiner Zukunft und habe mir Sorgen gemacht, da ich dann zum ersten Mal ohne Familie alleine leben müsste und keine Ahnung davon hatte wie man selbstständig alleine in einer eigenen Wohnung wohnt und die diversen anfallenden Dinge selber regeln kann.

Ich fragte mich, wie ich alleine mein Alltag organisieren muss, um alle dann anfallenden Dinge erfolgreich zu erledigen, da ich nicht das Gefühl hatte, dass mir eine gute Tagesstruktur in der Jugendwohnung beigebracht bzw. vorgelebt wurde. Ich machte mir viele Gedanken darüber, welche Versicherungen ich benötige und wie ich diese abschließe, was ich mache, wenn ich krank werde oder einen Unfall habe, welche Versorgungsdienstleistungsverträge wie Strom, Wasser, Telefon oder Internet ich abschließen muss und wie ich diese anmelde..

Zudem fragte ich mich, ob ich psychisch damit klar komme alleine zu wohnen, da ich in der Jugendwohnung immer mit mehreren zusammengelebt habe. Hinzu kam, dass ich von meinem Betreuer nicht auf den Auszug vorbereitet wurde. Mir wurde z. B. nur gesagt, wie ich auf dem offiziellen Weg eine Wohnung finden kann, was in dem Fall hieß, alle Baugenossenschaften in Hamburg abzuklappern. Dies empfand ich nicht als besonders hilfreich und war auch nicht von Erfolg gekrönt.

Ich hätte mir z.B. gewünscht, dass man mir zeigt, wie ich mich bei Vermietern bei Wohnungsbesichtigungen gut verkaufen kann oder welche Wege es noch gibt eine Wohnung zu finden. Mir wurde in der Jugendhilfe nicht beigebracht, wie ich selber Probleme lösen kann oder welche Rechte und Pflichten ich als Mieter habe, sondern nur darauf verwiesen, dass ich mich nachdem Auszug aus der Jugendwohnung an die Beratungsstelle HOME SUPPORT wenden kann.

Erst nach einem Jahr verzweifelten Suchen bin ich spontan zu einer Stiftung in meiner damaligen Nachbarschaft gegangen und habe dort von meiner verzweifelten Lage berichtet. Die Stiftung hatte zum Glück ein offenes Ohr für mich und hat mir eine Wohnung in einem Studentenwohnheim vermittelt, da ich nach meinem Abitur 2016 im Sommer angefangen habe Wirtschaftsingenieurswesen zu studieren.

Zwischenzeitlich hatte ich aufgrund meiner erfolglosen Wohnungssuche und den anstehenden Prüfungen, auf die ich mich kaum konzentrieren konnte, selber das Gespräch mit dem zuständigen Mitarbeiter des Jugendamtes gesucht, um eine Verlängerung der Jugendhilfe über die 3 Monate hinaus zu erwirken, was auch funktioniert hat, bis ich die Wohnung im Studentenwohnheim gefunden habe. Dann wurde die Hilfe sofort beendet und ich hatte keine ambulante Nachbetreuung durch meinen Betreuer.

Mir ging es in dieser Phase sehr schlecht, ich hatte Schlafstörungen und meine Noten in der Schule wurden schlechter. Ich habe aus dieser schwierigen Phase gelernt, dass ich mich selber um die Dinge kümmern muss und ich mich nicht auf andere Leute verlassen kann. Rückblickend war der Einzug in die neue Wohnung ein Sprung ins kalte Wasser.
Ich musste mich um alles selber kümmern.

Sei es mich umzumelden, die Adressänderung mitzuteilen, Strom und Wasser anzumelden, Internetvertrag abzuschließen, Möbel, Waschmaschine und Kühlschrank günstig einzukaufen oder meinen Krankenversicherungsstatus zu klären, was sich als größtes Problem darstellte, da es für mich als junger Mensch ohne Eltern in Deutschland und noch zur Schule gehend, keine passende Einstufung bei der Krankenversicherung gab und ich mich sehr teuer freiwillig versichern musste, was für mich kaum zu bezahlen war und ich am finanziellen Abgrund stand.

Von meinem Schüler-Bafög war Miete, Strom, Wasser, Internet, Krankenversicherung und Lebensmittel nicht zu zahlen. Die Situation verbesserte sich für mich erst, als ich begann Wirtschaftsingenieurswesen zu studieren und ich mir neben Studenten-Bafög ein Stipendium eigenständig organisierte. Über meine eigene berufliche Zukunft war ich mir auch sehr lange unsicher und habe eine umfassende Beratung seitens meines Betreuers vermisst.

Ich war hin- und hergerissen, ob ich nun studieren – wenn ja, was – oder lieber erstmal eine Ausbildung machen soll. Insgesamt habe ich ein halbes Jahr gebraucht, um mit der mir neuen Situation, alleine in einer eigenen Wohnung zu wohnen, klar zu kommen.

Rückblickend war es für mich sehr wichtig, mir für die verschiedenen Dinge und Lebensbereiche, Netzwerke aufzubauen. So konnte ich auf Freunde und Bekannte bei verschiedenen Dingen zurückgreifen, die schon ähnliche Erfahrung gemacht hatten und wussten, wie es geht und was zu tun ist. Diese Bekanntschaften habe ich oft bei Behördengängen kennengelernt, wo ich Leute aktiv angesprochen habe und wir anschließend im Kontakt geblieben sind. Diese waren größtenteils auch Care Leaver*innen, die aber schon länger eine eigene Wohnung hatten. Z.B. habe ich aufgrund meiner angespannten finanziellen Situation Freunde gefragt, wie die sich finanzieren oder wie man an günstige Möbel oder Technikgeräte kommt.

Die notwendigen Anträge für BAföG oder das Stipendium mit allen den dazugehörigen Unterlagen waren eine große Herausforderung, die ich durch Freunde und die Unterstützung durch HOME SUPPORT aber gemeistert habe. Es war für mich auch bei anderen Dingen hilfreich und beruhigend zu wissen, einen Sozialarbeiter bei HOME SUPPORT als Ansprechpartner bei Fragen zu haben, aber ich habe aber auch vieles einfach selber ausprobiert und im Internet recherchiert, z. B. welche Studiengänge es gibt, welche die günstigsten Stromanbieter sind, wo ich günstige Einrichtungsgegenstände oder Haushaltsgeräte finde.

Für einen besseren Übergang aus der Jugendhilfe in die eigene Wohnung hätte mir geholfen, wenn ich während der Jugendhilfe besser auf das alleine Wohnen vorbereitet worden wäre,  und ich schon dort eine Tagesstruktur erlernt hätte, die mich sofort in die Lage versetzt hätte, alle anfallenden Dinge über die Schule und Studium hinaus zu erledigen wie Behördentermine wahrzunehmen, den Haushalt zu führen, Post zu bearbeiten etc.
Darüber hinaus hätte ich mir durch meinen Betreuer eine aktivere Unterstützung bei meiner Haupt-Herausforderung, der Wohnungssuche, gewünscht, u.a. mehr Wege außer zu Baugenossenschaften, Erstellen einer Bewerbungsmappe und das Erlernen von soft-skills in Bezug auf Auftreten beim potentiellen Vermieter bei Wohnungsbesichtigungen.

Auch beim Umzug hätte ich gut Unterstützung durch meinen Betreuer gebrauchen können. Diesen musste ich komplett alleine organisieren und durchführen, was ich nur mit massiver Unterstützung von Freunden geschafft habe. Ferner hätte ich mir auch bzgl. meiner finanziellen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten eine frühzeitige und umfassende Beratung von meinem Betreuer gewünscht, vor dem Hintergrund „Welche finanzielle Unterstützung vom Staat steht mir zu, was habe ich darüber hinaus noch für Möglichkeiten an Geld zu kommen?“ Stichwort: Stipendium.

In dem Betreuungssetting während meiner Zeit in der Jugendhilfe fehlte mir auch die Vorbildfunktion durch meinen Betreuer, so dass ich nicht zu diesem aufschauen bzw. mich nicht an diesem orientieren konnte. Diese Orientierung an erwachsenen Personen habe ich vermisst, da meine Eltern nicht in Deutschland wohnen und so ihre Elternrolle nicht wahrnehmen konnten. Es fehlte mir daher auch die psychische Unterstützung, in der Phase, als mir mitgeteilt wurde, dass die Jugendhilfe beendet wird und es mir nicht gut ging.

Zudem wäre es hilfreich gewesen, wenn ich durch meinem Betreuer noch eine 1- 2 monatige Nachbetreuung gehabt hätte, um mit diesem zusammen die als Erstes anfallenden Dinge, wie Ummelden, Strom und Wasser anmelden, Anträge bzgl. der Mietübernahme beim Amt usw. zu erledigen. Bei HOME SUPPORT wurde ich auch erst im Nachgang, gut 2 Monate nach meinem Auszug aus der Jugendwohnung, angedockt, als die Jugendhilfe schon vorbei war, sodass ich mir viele Dinge durch eigenes Ausprobieren und Recherche im Internet selber aneignen musste.

Alles in allem habe ich es aber nach einem halben Jahr “Eingewöhnung“ geschafft und komme mit der neuen Situation, alleine in der eigenen Wohnung zu leben, mittlerweile gut zurecht. Ich kann jedem nur empfehlen, sich auch untereinander zu vernetzen und von Erfahrungen anderer zu profitieren, aber auch selber eigene Erfahrungen weiterzugeben.
Es ist rückblickend “lustig“, dass ich die Grundidee des im Jahr 2017 gegründeten Care Leaver Netzwerkes in Hamburg, wo ich mich seit der Gründung aktiv einbringe, schon unbewusst selber für mich in der Zeit davor angewandt habe – nämlich aktiv auf andere Care Leaver zu zuzugehen, Kontakte zu knüpfen und beidseitig von einem entstehenden Netzwerk zu profitieren.